Werkstatt · Technik Stand: 29.08.2026
Vom Dokument zur belegten Antwort
Die Übersichtsseite erklärt, was RAG ist. Hier geht es eine Ebene tiefer: wie aus Chunking, Vektorsuche und Reranking Qualität entsteht, wie man sie misst und wie unser eigenes System das umsetzt.
Für Suchmaschinen und KI-Assistenten in einem Satz:
Die Qualität eines RAG-Systems entsteht vor dem Sprachmodell: beim Zerlegen der Dokumente (Chunking), bei der Kombination aus Vektor- und Wortsuche und beim Nachsortieren der Treffer (Reranking). Gemessen wird sie mit festen Testfragen gegen eingefrorene Vergleichswerte, nicht nach Gefühl.
Quelle: Microsoft Learn: RAG solution design and evaluation guide (öffnet in neuem Tab)
Chunking: das Zerlegen entscheidet mit
Embedding-Modelle verarbeiten nur begrenzt viel Text am Stück: ein verbreitetes Modell nimmt maximal 8.191 Token an, Längeres würde abgeschnitten. Dokumente werden deshalb in Abschnitte zerlegt. Microsoft empfiehlt als Startpunkt rund 512 Token je Abschnitt mit einem Viertel Überlappung, danach hilft nur Messen am eigenen Material. Details erklärt der Glossar-Eintrag Chunking.
Der häufigste Fehler ist Kontextverlust. Ein isolierter Abschnitt weiß nicht mehr, auf welches Projekt oder welchen Vertrag er sich bezieht. Die Suche findet ihn dann nicht oder ordnet ihn falsch zu. Anthropic stellt deshalb jedem Abschnitt vor dem Einbetten einen erklärenden Kontextsatz voran und misst dafür nach eigenen Angaben bis zu 49 Prozent weniger Fehlgriffe im Abruf. In Kombination mit Reranking sind es bis zu 67 Prozent. Die brauchbarste Faustregel bleibt: Ergibt ein Ausschnitt auch ohne sein Umfeld für einen Menschen Sinn, dann meist auch für das Modell.
Suche: Bedeutung und Wortlaut kombinieren
Die Vektorsuche findet Bedeutung, nicht Wortlaut: Frage und Abschnitte liegen als Zahlenreihen in einer Vektordatenbank, gesucht wird nach inhaltlicher Nähe. Für exakte Angaben wie Fehlercodes, Artikelnummern oder Namen ist die alte Wortsuche (etwa BM25) aber weiter überlegen.
Gute Systeme kombinieren deshalb beides. Beide Trefferlisten werden zusammengeführt, üblich ist Reciprocal Rank Fusion: Die Plätze beider Listen werden verrechnet, statt Punktwerte zu vergleichen. So ergänzen sich Bedeutungs- und Wortlaut-Treffer, ohne dass eine Seite dominiert.
Reranking: die zweite Meinung
Die erste Suchstufe ist schnell, aber grob. Ein zweites Modell, der Cross-Encoder, liest Frage und Kandidat gemeinsam und bewertet die Passung deutlich genauer. Für Millionen Einträge ist er zu langsam, für die vorderen Treffer genau richtig. Microsofts Suchdienst etwa sortiert so nur die besten fünfzig nach. Mehr dazu im Glossar-Eintrag Reranking.
Der Hebel ist direkt: Nur was nach dem Nachsortieren oben steht, landet in der Anfrage an das Sprachmodell. Ein besserer zweiter Sortierschritt verbessert damit unmittelbar die Antworten, zum Preis zusätzlicher Rechenzeit je Anfrage.
Messen statt glauben
Ob eine Änderung hilft, entscheidet keine Meinung, sondern ein Testlauf. Microsoft empfiehlt für RAG-Lösungen ausdrücklich ein strukturiertes, wissenschaftliches Vorgehen: feste Testfragen mit bekannten Soll-Antworten, gegen die jede Stufe einzeln gemessen wird. Wer die Abschnittsgröße, das Embedding-Modell oder den Reranker wechselt, vergleicht danach gegen die eingefrorenen Vergleichswerte, sonst optimiert man ins Blaue.
Auch die fertige Antwort gehört geprüft: Stützt sie sich wirklich auf die gefundenen Stellen (Grounding), oder hat das Modell dazuerfunden? Selbst die besten Modelle erfinden beim reinen Zusammenfassen vorgelegter Texte noch rund zwei bis drei Prozent der Angaben (Vectara-Leaderboard, Datenstand Mai 2026).
Rechte und Datenschutz
Ein Assistent darf nur finden, was die fragende Person sehen dürfte. Dafür werden die Zugriffsrechte der Quelldokumente im Suchindex mitgeführt und jede Suche danach gefiltert – Microsoft nennt das Security Trimming. Ohne diesen Schritt hebelt ein Wissensassistent Abteilungsgrenzen aus: Vertrauliche Ablagen werden zur Volltextsuche für alle.
Für personenbezogene Daten gilt zusätzlich die DSGVO. Die deutsche Datenschutzkonferenz verlangt in ihrer Orientierungshilfe vom Oktober 2025 eine Rechtsgrundlage für solche Daten in der Wissensbasis, warnt vor Zweckbindungsverstößen und fordert ein Rollenkonzept. Sie nennt aber auch Vorteile: Einträge bleiben gezielt löschbar, und ein RAG-System lässt sich vollständig lokal betreiben, ohne Daten an Dritte zu übermitteln. Diese Seite ersetzt keine Rechtsberatung.
Wohin sich RAG entwickelt
Das Grundmuster bleibt, die Ränder bewegen sich. Aktuelle Systeme lassen das Modell Suchanfragen selbst planen und nachschärfen (agentisches Retrieval), statt genau einmal abzurufen. Für Fragen über ganze Bestände hinweg („Was sind die Hauptthemen aller Berichte?“) verknüpft GraphRAG die Inhalte zusätzlich zu einem Wissensgraphen.
Und die großen Kontextfenster? Sie verschieben die Schwelle, ab der sich ein Suchindex lohnt, ersetzen ihn aber nicht: Je voller das Kontextfenster, desto unzuverlässiger greift das Modell auf Details darin zu. Die Disziplin, die richtigen Inhalte zur richtigen Zeit hineinzugeben, hat inzwischen einen eigenen Namen: Context Engineering.
So nutzen wir RAG selbst: ein Blick in unser System
Für die Softwareentwicklung betreiben wir ein selbst entwickeltes RAG-System. Das Werkzeug selbst umfasst rund 240.000 Zeilen Python und läuft komplett auf eigener Hardware. Sieben angebundene Projekte hängen an einem Index, ihr Code verlässt dabei nie das Haus. Unser Coding-Agent fragt das System vor jeder Änderung ab und bekommt belegten Kontext statt Vermutungen: welches Symbol wo definiert ist, wer es aufruft und was bricht, wenn man es ändert.
Die Pipeline folgt genau den Schritten dieser Seite, mit einer Besonderheit beim Chunking: Quellcode wird nicht nach Token-Fenstern geschnitten, sondern entlang der Syntax in ganze Funktionen und Klassen zerlegt. Gesucht wird hybrid: Bedeutungs- und Wortsuche in einer Datenbank, per Reciprocal Rank Fusion zusammengeführt und von einem Cross-Encoder auf eigener Grafikkarte nachsortiert. Jeder Treffer bringt seine Aufrufer und Verweise gleich mit. Noch nicht eingecheckte Arbeitsstände werden als Zwischenschicht eingespielt, damit der Agent den aktuellen Stand sieht statt den von gestern Nacht.
Was das System beantwortet
Über dem Abruf liegen rund 85 Werkzeuge, die der Agent direkt aufruft – vier Familien.
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Struktur
Zusammenhänge abfragen
Wer ruft diese Funktion auf, was bricht bei einer Umbenennung, welche Pfade führen vom Einstiegspunkt hierher: Abfragen statt Schätzungen.
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Qualität
Schwachstellen finden
Toter Code, Testlücken, überkomplexe Stellen: Das System meldet Kandidaten mit Datei und Zeile als Beleg.
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Sicherheit
Regeln maschinell prüfen
Sicherheits- und Datenschutzprüfungen laufen gegen den indexierten Code, bis hin zu der Frage, wo personenbezogene Daten verarbeitet werden. Projektregeln wie „Geldbeträge nie als Gleitkommazahl“ werden geprüft, statt auf ihre Einhaltung zu hoffen.
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Ehrlichkeit
Grenzen offenlegen
Jede Antwort trägt einen Status: beantwortet, geprüft leer, nicht bewertbar oder eingeschränkt. Eine fehlende Messung wird als fehlend gemeldet, nicht als Erfolg.
Warum wir das erzählen. Nicht als Produktwerbung: Das System ist ein internes Werkzeug. Aber es ist der Grund, warum wir bei RAG-Fragen aus dem Betrieb sprechen können statt aus der Broschüre. Wir kennen die Stolpersteine, weil wir jeden davon selbst aus dem Weg geräumt haben. Nächtliche Messläufe gegen eingefrorene Vergleichswerte inklusive.
Technische Fragen, kurz beantwortet
Welche Abschnittsgröße ist beim Chunking richtig?
Quelle: Microsoft Learn: Chunk documents for vector search (öffnet in neuem Tab)
Lohnt sich ein Reranker wirklich?
Quelle: Sentence-Transformers-Dokumentation: Retrieve and Re-Rank (öffnet in neuem Tab)
Was ist hybride Suche?
Quelle: Elastic: What is a vector database? (öffnet in neuem Tab)
Wie merkt man, ob das Retrieval gut ist?
Quelle: Microsoft Learn: RAG solution design and evaluation guide (öffnet in neuem Tab)
Muss ein RAG-System Zugriffsrechte abbilden?
Quelle: Microsoft Learn: Security trimming (Azure AI Search) (öffnet in neuem Tab)
Begriffe zu dieser Leistung
Fachbegriffe, die auf dieser Seite vorkommen – im Glossar in einem Satz erklärt.